Der Punkt ist doch, dass es eben keine Kunst ist, sondern unsere schöne "Klickavisten"-Gesellschaft bei der Nase bzw. den Tippfingern packt. Es geht nicht um das Schaf, ein Tier, das haben diese beiden "Künstler" symbolisch nur clever gewählt, weil es ein rituelles Opfertier ist, aber die Entscheidung über Leben und Tod á la Gott wird in die Hände von Menschen gelegt.
Das Perfide dabei, keine sichtbaren Menschen, denn keiner von uns klingelt an der Haustür dieser Leute und sagt "Hallo, mein Name ist XX, ich möchte/möchte nicht, dass das Schaf stirbt.", sondern man stimmt >anonym< ab, darf sich für 1 Sekunde wie Gott fühlen und nun für sich entscheiden, ob man
a) moralisch agiert (Schaf lebt)
b) etwas "böses" macht bzw. sadistisch-perverser Bestrafungsneigung freien Lauf lässt (Schaf soll sterben)
Die "Künstler" zeigen den so genannten Internet-Aktivisten also einmal, wie man die Macht des Internets so weit hochpuschen kann, dass es nicht mehr um eine reine Meinungsumfrage geht, sich Blogger über persönliche Animositäten auslassen oder man sich aus vermeintlich solidarischer Neinung heraus an einem Aufruf beteiligt bzw. eine Petition unterschreibt, sondern es geht um nichts weniger als Leben und Tod.
Und so widerlich das Ganze ist, man muss über genau dieses sozial-gesellschaftlich-kritischen Aspekt und die Macht des www nachdenken, denn diese Leute legen leider ganz genau den Finger in die Wunde, auch wenn das keiner der Netz-Aktivisten so zugestehen will.
Nur ein weiteres Beispiel am Ende: Stichwort Kony-Proteste und der Film "Kony 2012".
Aus einem anfänglichen Artikel über die früheren perversen Machenschaften des Rebellenführers haben einige clevere Werbeleute eine mediale Vendetta gestartet. Neben Bloggern, Freizeit-Politikern und auch Prominenten hat gefühlt die halbe Welt fleißig auf's Knöpfchen gedrückt und den Mann zur eigentlich schon schlimmsten Menschen aller Zeiten, gleich nach Osama bin Laden, gekürt. Und wie sollte man auch nicht abstimmen bzw. die Contra-Kony-Gemeinde unterstützen, stellen die Filme doch eindeutig dar, dass dieser Mann Frauen für perverse sexuelle Spiele missbraucht hat, Kindersoldaten rekrutierte, Menschen folterte etc. Jeder wird doch an dieser Stelle entrüstet die Nase rümpfen und sagen "Natürlich stimme ich der Kampagne zu, fangt den Kerl, sperrt ihn ein oder bringt ihn, noch besser, gleich um!".
Tja, wir haben nur leider ein kleines Problem in diesem Szenario und das heißt, dass auch in diesem Fall nicht alle Fakten korrekt sind. Die Werbeleute haben ihre Botschaften bewusst so dargestellt, als wäre Kony noch jetzt ruchlos in Afrika unterwegs, alles würde von der gegenwärtigen Regierung alles unter den Teppich gekehrt und als müsste halb Europa Angst haben, gefoltert, verschleppt, missbraucht zu werden.
Tatsache ist nun aber, dass besagter Kony sich mit einer handvoll letzter Rebellen irgendwo ins Hinterland verzogen hat, diese Taten zurückliegen und das vermeintliche Terrorregime so gar nicht mehr existiert. Als diese Dinge den Machern der Filme vorgehalten wurden, begann das Projekt Schadensbegrenzung. Ein erneuter Film mit einer "Klarstellung", den aber kaum einer angeklickt hat, weil er nicht mehr massenkompatibel, schön blutrünstig und voller perverser Details gespickt ist. Und was sagen die, die Kony förmlich schon am Galgen haben baumeln sehen? Tja, so ein Pech aber auch, ist doch aber egal, er hat früher Gräultaten begangen, also muss man das doch ächten, sich solidarisch zeigen und ein Klick auf den Button "Like" tut doch keinem weh...
Schöne, neue Welt, mit einem Klick über Sein oder Nicht-Sein, Leben oder Tod entscheiden. Cäsar würde an dieser Stelle sicher applaudieren und sagen, man hat seine römische Daumen-Geste perfekt ins 21. Jahrhundert transportiert und möge die Spiele beginnen lassen...
P.S. Natürlich darf und soll kein Schaf hingerichtet werden, aber mir geht es auch um den Mechanismus dahinter, was diese Aktion wirklich abbildet und warum man nicht das stärker in den Blickpunkt rückt.