Totschlagargumente oder Wie die Argumentation virtuell (nicht) zu Tode kommt

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  • Totschlagargumente oder Wie die Argumentation virtuell (nicht) zu Tode kommt

    02 Nov 2016

    Hand hoch bzw. auf’s Herz, wer hat das schon selber gesagt:

    • „Wenn dir meine Meinung nicht gefällt, dann lies sie halt nicht!“

    • „Meckern kann jeder, aber bring doch mal ein besseres Beispiel!“

    • „War ja klar, du bist eben ein Fanboy.“

    • „Man sollte erst mal richtig lesen…“

    • „Du verstehst es einfach nicht!“

    • „Ich bin raus aus der Diskussion!“



    Na, erwischt? Keine Sorge, mit diesen und ähnlichen „Killerphrasen“ stehst du nicht alleine, denn nicht nur WBB-Foren, sondern auch soziale Medien und das www an sich sind damit gut bestückt.


    Im Wesentlichen findet man zwei Gruppierungen von Reaktionen:
    1. Die Nutzer von Totschlagargumenten
    2. Die Nutzer von „Killerphrasen“


    Erstere sind die Nutzer, die ein Scheinargument nutzen, weil sie in einer Situation kein reales Argument haben, die anderen Diskussionsteilnehmer aber schnell und „effektiv“ mundtot machen möchten. In der Forenpraxis klingt das so:

    • „Das kann ein Laie nicht verstehen.“

    • „Das würde jetzt den Rahmen der Diskussion sprengen“

    • „So ein Projekt wird nicht klappen, weil es noch nie geklappt hat“

    • „Das ist typisch für jemanden, der nicht in der Materie drin ist“


    Gruppe Nummer 2 nutzt „Killerphrasen“, die nicht einmal mehr den Anschein eines zumindest leeren Argumentes machen, sondern einfach nur das Diskussionsende herbeiführen sollen. Das liest sich im Community-Alltag so:

    • „Das ist einfach Quatsch und dazu muss man nichts mehr sagen!“

    • „Aber sonst habt ihr keine anderen Probleme?“

    • „Ich weiß genau, wie die Diskussion laufen wird, also spare ich mir das jetzt“

    • „Typisch XX, war, ist und bleibt eben ein Fanboy!“


    Ob Killerphrase oder Totschlagargument, im Kern sind solche „Diskussionsbeiträge“ nicht nur für Diskussionsteilnehmer ärgerlich und unnötig, sie zeigen auch deutlich, wer einem da gegenübersteht und was versucht wird. Es geht also einer solchen Person nicht darum, aus dem emotionalen Effekt heraus eine Aussage zu machen, sondern…

    … es fehlt der Person an realen Argumenten

    … die Person fühlt sich in die Defensive gedrängt

    … die Person glaubt an Ansehen und Kompetenz einzubüßen

    … die Person ist kurzzeitig überfordert, möchte also eine Diskussion „vertagen“, um die Fassung zu gewinnen

    … die Person möchte mehr oder weniger deutlich ihre negative Haltung ausdrücken

    … die Person möchte jetzt oder aus Prinzip die Person sein, die das letzte Wort hat, vermeintliche Probleme sieht und es einfach besser weiß



    Ohne in die psychologische Trickkiste zu greifen, eine solche rhetorische „Taktik“ weist viel stärker auf ihren Urheber zurück, als dass sie ein Gespräch ernstlich beschädigen kann, so unschön derartige Einwürfe oder Unterbrechungen im Gesprächsfluss sind. Denn: Hat man gewisse Personen und ihre „Argumentation“ erkannt, ist absehbar, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten und genau das kann man im Gegenzug nutzen.

    Richtig, als Administrator oder auch reiner Nutzer ist man solchen „Gesprächsabwürgern“ nicht hilflos ausgeliefert und muss letztendlich zum Mittel der Beitragsschließung und/oder individuellen Sanktionierung greifen, sondern kann ebenso taktisch kontern. Das geht so:


    1. Frage zurück
    Jemand, der mit einem Totschlagargument ankommt, erwartet (un-)bewusst auch, dass alle verstummen, aber nicht, dass nachgefragt wird. Also, einfach einmal betont sachlich und höflich nachfragen, was denn genau gemeint bzw. das Problem ist. Selbst wenn im Gegenzug wieder ein Totschlagargument kommt, diesem Frage-Stil treu bleiben, so fordert man die Person auf sich fachlich einzubringen, sich selber zu entlarven oder komplett zu schweigen.

    2. Nutze Humor
    Jemand, der ein Totschlagargument nutzt, rechnet nicht wirklich damit, dass man ihn bzw. es ernstnimmt, gar einen Witz auf seine/ihre Kosten macht. Folglich kann man genau das machen. In dem Fall kehrt sich das Argument um und zeigt zudem, dass man selber so einer Situation mit einem Augenzwinkern gewachsen ist.

    3. Nehme das Scheinargument ernst
    Ein Totschlagargument soll entwaffnen, nicht so verstanden werden, dass das Gespräch weitergeht. Falsch, genau das kann man machen. Verstehe also das Argument wörtlich und führ das Gespräch nahtlos weiter. So ziehst du der Person den kritischen Boden unter den Füßen weg und forderst ihn/sie auf, sich sachlich einzubringen oder zuzugeben, dass das vermeintliche Argument keines war.

    4. Spiele den Naivling
    Angenommen die sachliche oder ironische Rückmeldung schlägt nicht an, kann man sich auch bewusst in die Rolle des Unwissenden versetzen. Sprich, einfach ganz naiv nachfragen und mit der Person so sprechen, als wäre sie selber nicht mit allzu viel Intelligenz bedacht worden. Diese Reduzierung zeigt, was man von dem Totschlagargument hält und wie auch andere Diskussionsteilnehmer damit umgehen können.

    5. Ignoriere es
    Mitunter sind bestimmte Killerphrasen regelrecht geflügelte Worte geworden, sie gehören schon zu einer Person dazu. Je älter solche Personen sind, desto weniger ist ihnen bewusst, wie ihr Verhalten wirkt und sie werden sich in vielen, wenn nicht den meisten Fällen, auch nicht mehr ändern. Es ist müßige Zeitverschwendung mit Methode 1-4 zu reagieren, sondern hier hilft das simple Schweigen und Ignorieren. Einfach kategorisch Totschlagargumente überlesen und so tun, als wäre der Diskussionsteilnehmer nicht da, das kann auch entwaffnen und zeigen, wie man solche Wortmeldungen einstuft.

    6. Suche Unterstützer
    Eine Person mit Totschlagargument kann man auch durch reine Masse entzaubern. Man sucht sich also Unterstützung durch weitere Diskussionsteilnehmer, die dann alle gemäß einer Methode agieren, so die eine Person regelrecht einkesseln, das Verhalten aufzeigen und so demonstrieren, dass sie sich nicht mundtot machen lassen.

    7. Sei aggressiv
    Es kann in Einzelfällen der bessere Weg sein, mit verbalem Angriff zu reagieren, also: Angriff ist die beste Verteidigung. Ich selber würde das nie als erste und pauschale Methode bewerben, sondern maximal als ein finales Mittel, wenn wirklich dauerhaft nichts anderes geholfen hat. In diesem Fall geht man so vor, dass man die Person direkt und öffentlich deutlich anspricht, zurechtweist und ihr das Totschlagargument auch deutlich unter die Nase reibt. Hierbei geht es also nur darum im Gegenzug zu verletzen und man muss sich darauf einstellen, dass Gegenwehr kommen kann. Von daher, Kommunikation ist das A und O, aggressives Verhalten sollte wirklich nie DAS Mittel sein.





    So simpel und vielleicht lustig es klingt, Killerphrasen bzw. Totschlagargumente können in einem Forum Schaden anrichten. Je nach Person kann man damit den Ruf des Betreibers unterminieren, das Niveau der gesamten Plattform negativ erscheinen und auch persönliche Einzelfehden entstehen lassen. Zudem stört es Nutzer in der Regel immens, wenn sie in einer vielseitigen und auch engagierten Diskussion unterbrochen werden, dabei merken, dass es nicht um Argumente geht, sondern um das Ego einer Person.
    Wichtig ist, dass man so ein Treiben eben nicht klaglos duldet oder meint, es bringe nichts zu reagieren, sondern natürlich kann man reagieren. Argumentations-Allergiker wird man vermutlich nicht spontan kurieren können, aber man kann die Symptome in Schach halten.



    Und da Kaffee sowieso das beste Getränk der Welt ist, das einfach nur nicht jeder versteht, weil er/sie ein Fanboy anderer Getränkesorten ist, werde ich keine weitere Zeile mehr schreiben! Es ist mir zu blöd, keiner versteht mich, keiner liest richtig und es ist ein Totschlagargument, dass Tee gesünder ist, basta!



    P.S. Welches sind eigentlich die beliebtesten Totschlagargumente von mir?

    Display Spoiler
    Hier meine Top 5 an gelesenen/erlebten Diskussionssituationen in der WBB-Welt:

    1.„Hier darf man nicht mehr seine eigene Meinung äußern, also sage ich nichts mehr.“

    2.„Ich bin raus aus der Diskussion!“

    3.„Wenn man nicht im Thema drin ist, sollte man sich nicht dazu äußern.“

    4.„Für Amateure ist es nicht zu erklären.“

    5.„Wer dumm fragt, bekommt eine dumme Antwort.“

    :whistling: :D





    * Notiz von mir: Das Artikelthema verdankt seinen Ursprung nicht einer konkreten Situation im cls-design und/oder explizit hier anwesenden Personen, sondern entstand aus Konversationsanregungen im Testforum zu WSC. Somit gilt der "Dank" all den Mittestern, die mir so freundlich und zahlreich geschrieben haben. Danke für die vielen Impulse! :)

    Wer weitere beliebte Totschlagargumente notieren möchte, soll sie gerne posten, dann wird später eine Top 10 mit Abstimmung gekürt. xD

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